Psychologie / Kapitel 12
Motivation
Zwei Menschen sitzen über demselben Buch. Die eine kann nicht aufhören, der andere kaum anfangen. Motivation ist kein Schalter, den man hat oder nicht — sie ist ein Zusammenspiel aus Bedürfnissen, Anreizen und einem inneren Antrieb, das sich über die Zeit verändert. In diesem Kapitel baust du dir daraus einen Motor — und steuerst ihn selbst.
Der Motor hinter allem

Warum stehst du morgens auf? Warum lernst du für das eine Fach mit Begeisterung und für das andere nur mit Ächzen? Die Motivationspsychologie fragt nach den Gründen hinter unserem Verhalten: Was setzt uns in Bewegung — und was hält uns in Bewegung, auch wenn es mühsam wird?
Der Ausgangspunkt ist das Motiv (von lateinisch movere — bewegen): ein Sammelbegriff für Trieb, Drang, Streben, Wollen oder Bedürfnis. Ein Motiv bringt eine zielgerichtete Handlung in Gang. Das ganze Bündel an Motiven, das einen Menschen zu etwas bewegt, nennt man Motivation. Sie lenkt die Energie, die aus unseren Bedürfnissen entsteht, auf ein Ziel hin.
Der Psychologe D. C. McClelland nennt drei Grundmotive, die uns besonders stark prägen: das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Macht und nach Leistung. Sie sind bei jedem Menschen anders gewichtet — probier gleich aus, sie am Verhalten zu erkennen.
Auf die Frage Was ist Motivation? gibt die Psychologie mehrere Antworten, und jede beleuchtet eine andere Seite: Maslow ordnet unsere Bedürfnisse (12.1), Reiss zählt 16 Lebensmotive (12.2), die Triebreduktion erklärt den Körper (12.3), die Unterscheidung intrinsisch / extrinsisch fragt, ob der Antrieb von innen oder außen kommt (12.4), und Csikszentmihalyi beschreibt das Aufgehen im Tun — den Flow (12.5). Wir bauen daraus einen Motor, den du selbst bedienst.
Was uns fehlt: Maslows Pyramide
Jedes Motiv steht für ein Bedürfnis, das wir stillen wollen — nach Nahrung, nach Nähe, nach Erfolg. Abraham Maslow hatte eine berühmte Idee: Unsere Bedürfnisse sind nicht gleich dringlich, sondern in einer Rangordnung gestapelt.
Maslow trennt Grundbedürfnisse (auch Defizitbedürfnisse — bleiben sie unerfüllt, entsteht ein Mangel) von Wachstumsbedürfnissen (sie treiben die persönliche Entfaltung an). Solange der Durst brennt, ist beruflicher Erfolg zweitrangig: Erst wenn die unteren Stufen einigermaßen gestillt sind, wird die nächsthöhere wichtig. Steig selbst hinauf.
Ein junger Mensch zieht in eine fremde Stadt: Er sucht eine Wohnung, dann einen Job, findet einen Freundeskreis und beginnt schließlich, ehrenamtlich etwas aufzubauen, das ihm am Herzen liegt. Ordnen Sie diese Schritte den Stufen der Maslowschen Pyramide zu und erklären Sie die Reihenfolge.
Sechzehn Antriebe: das Reiss-Profil
Wo Maslow stapelt, zählt Steven Reiss auf: Nach einer großen Untersuchung führt er alles menschliche Handeln auf 16 Lebensmotive zurück — gleichrangig, nicht in einer Pyramide. Bei jedem Menschen sind sie anders stark ausgeprägt, und daraus ergibt sich ein persönliches Profil.
Macht · Unabhängigkeit · Neugier · Anerkennung · Ordnung · Sparen · Ehre · Idealismus · Beziehungen · Familie · Status · Rache/Wettkampf · Eros · Essen · Körperliche Aktivität · Ruhe.
Kein Motiv ist besser als ein anderes — es kommt auf die Mischung an.
Manche Firmen setzen das Reiss-Profil in der Personalauswahl ein, um auf beruflichen Erfolg zu schließen. Beurteilen Sie: Inwiefern ist ein solches Motivprofil ein (nicht) aussagekräftiger Indikator für Erfolg im Beruf?
Der Körper treibt: Triebreduktion & Hunger
Manche Motivation kommt nicht aus Zielen oder Werten, sondern schlicht aus dem Körper. Die Triebreduktionstheorie erklärt Verhalten rein biologisch: Ein körperliches Bedürfnis (etwa nach Nahrung) erzeugt einen inneren Spannungszustand — den Trieb (Hunger) —, der uns zu einem Verhalten (essen) drängt. Durch das Verhalten wird die Spannung wieder reduziert.
Das Ziel dahinter ist die Homöostase: das Halten eines stabilen inneren Gleichgewichts. Sinkt der Blutzucker, meldet der Körper Hunger; kühlt er aus, frieren wir und suchen Wärme; fehlt Flüssigkeit, entsteht Durst. Der Trieb ist gewissermaßen das Alarmsignal, das das Gleichgewicht wiederherstellt.
Wie stark der Hunger-Trieb den ganzen Menschen bestimmt, zeigte der Forscher Ancel Keys: In seinem Versuch wurde die Nahrung freiwilliger Teilnehmer über Monate halbiert. Die Folgen betrafen längst nicht nur den Körper (Gewichtsverlust, Schwindel), sondern die ganze Psyche: Die Teilnehmer wurden apathisch und lustlos, verloren das Interesse an anderen Menschen — und dachten fast nur noch ans Essen: Sie redeten davon, sammelten Rezepte, blätterten in Kochbüchern. Der Mangel besetzte das ganze Denken.
Erklären Sie die Triebreduktionstheorie und den Begriff der Homöostase. Zeigen Sie an einem Beispiel (z. B. Hunger oder Durst), wie beide zusammenhängen.
Intrinsisch & extrinsisch — der Motivations-Motor
Die Signatur dieses Kapitels: Motivation über Wochen steuern
Ob wir etwas tun, weil wir es von Herzen wollen oder weil es sich lohnt, macht einen großen Unterschied. Die Psychologie trennt daher zwei Quellen des Antriebs.
Extrinsisch motiviert sind wir, wenn der Grund außerhalb der Tätigkeit liegt: Geld, eine gute Note, Lob, Status, Anerkennung. Die Handlung ist dann Mittel zum Zweck. Intrinsisch motiviert sind wir, wenn der Grund in der Tätigkeit selbst steckt: Neugier, Interesse, die Freude am Tun, das Gefühl zu wachsen. Intrinsische Motivation ist meist selbstbestimmt, hält länger an und trägt weiter als extrinsische.
Aber was passiert, wenn beides aufeinandertrifft — wenn man jemanden für etwas belohnt, das er ohnehin gern und freiwillig tut? Steig ein und probier es aus. Du coachst nicht dich selbst, sondern ein Kind, das für sein Leben gern malt. Du siehst nur einen Wert — ihre Motivation. Was darunter liegt, bleibt dir zunächst verborgen.
Was du gerade beobachtet hast, heißt Korrumpierungseffekt (oder Verdrängungseffekt): Belohnt man eine Tätigkeit, die jemand ohnehin liebt, kann die extrinsische Motivation die intrinsische verdrängen. Aus Ich male, weil es schön ist wird Ich male für die Belohnung — und fällt die Belohnung weg, fehlt plötzlich der Grund. Genau das fanden Lepper, Greene und Nisbett bei malenden Kindern: Wer eine Belohnung erwartet hatte, malte danach weniger als die anderen. Materielle Belohnung wirkt dabei stärker verdrängend als Lob, erwartete stärker als unerwartete.
Ein Jugendtreff zahlt Jugendlichen plötzlich Geld dafür, dass sie — wie bisher freiwillig und gern — beim Programm mithelfen. Nach einem halben Jahr wird die Bezahlung wieder gestrichen. Erklären Sie mit dem Korrumpierungseffekt, warum jetzt weniger mithelfen als vor der Bezahlung. Beurteilen Sie, wann Belohnung sinnvoll ist und wann sie schadet.
Aufgehen im Tun: das Flow-Erlebnis
Es gibt Tätigkeiten, bei denen wir alle zwei Minuten auf die Uhr schauen — und solche, die uns so einnehmen, dass wir Hunger, Kälte und Zeit vergessen. Für diesen Zustand des völligen Aufgehens prägte der Psychologe Mihály Csikszentmihalyi (sprich: tschík-sent-mi-haji) den Begriff Flow.

Im Flow verschmelzen Fühlen, Wollen und Denken: volle Konzentration auf das Tun, ein klares Ziel, unmittelbare Rückmeldung, das Gefühl von Kontrolle — und ein verändertes Zeitempfinden. Weil man die Tätigkeit um ihrer selbst willen ausführt, ist Flow ein Phänomen der intrinsischen Motivation und ein Schlüssel zum Lernen.
Ob wir in den Flow kommen, entscheidet das Verhältnis von Können und Anforderung. Tippe die drei Zonen an und finde heraus, wie man wieder in den Kanal zurückfindet.
Csikszentmihalyi über das Flow-Erlebnis
Mihály Csikszentmihalyi erklärt selbst, wie der Flow-Zustand entsteht und warum er so erfüllend ist. (Englisch — deutsche Untertitel lassen sich im Player zuschalten.)
TED (2004)
Beim Ansehen — achte darauf:
- Welche Bedingungen müssen laut Csikszentmihalyi erfüllt sein, damit Flow entsteht?
- Wie beschreibt er, was mit dem Zeitgefühl und der Selbstwahrnehmung im Flow geschieht?
Genau dieses Gleichgewicht kannst du auch am Motor erleben. Coache Ben, der Gitarre lernt: Nur wenn die Stücke zu seinem Können passen, wächst sein Antrieb nachhaltig — die Flowspirale dreht sich. Zu schwer erzeugt Angst, zu leicht Langeweile.
Beschreiben Sie je eine Tätigkeit aus Ihrem Alltag, die bei Ihnen Flow, eine, die Langeweile, und eine, die Angst/Überforderung auslöst. Erklären Sie die drei Fälle mit dem Verhältnis von Können und Anforderung — und wie man Langeweile und Angst in Richtung Flow verschieben könnte.
Sich selbst antreiben — und das Geschäft mit der Motivation
Nicht immer wartet ein Coach, der uns begleitet — meist müssen wir uns selbst antreiben. Selbstmotivation ist die Fähigkeit, aus eigenem Antrieb ins Tun zu kommen, auch wenn die Lust fehlt. Ein paar Strategien helfen dabei.
• sich bewusst entscheiden, eine nötige Aufgabe jetzt zu tun — und sie beginnen;
• herausfinden, was einen persönlich anzieht (z. B. mit Freundinnen lernen), und die Aufgabe danach gestalten;
• große Vorhaben in überschaubare Schritte mit eigenen Deadlines zerlegen und Erledigtes durchstreichen;
• sich eine Belohnung aussuchen — und sich daran halten;
• sich vorstellen, wie es sich anfühlt, die Aufgabe erledigt zu haben (mentales Training).
Warum wirken solche Strategien? Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan gibt eine Antwort: Unser Antrieb wächst, wenn drei Grundbedürfnisse erfüllt sind — Autonomie (selbst bestimmen), Kompetenz (etwas können und Fortschritt sehen) und Zugehörigkeit (mit anderen verbunden sein). Genau daran kannst du beim Antreiben ansetzen.
Probier es am dritten und letzten Szenario des Motors aus. Diesmal coachst du Sara durch die langen Monate vor der Matura — bis in die Prüfungswochen, in denen kein äußerer Druck mehr hilft.
Wenn Motivation so machbar klingt, warum verspricht dann eine ganze Branche, sie zu verkaufen? Motivationstrainer, Erfolgsseminare und Ratgeber leben vom Geschäft mit der Hoffnung. Zeit für einen kritischen Blick — der, wie die Selbstbestimmungstheorie, über das Schulbuch hinausgeht; die Fakten dahinter (Korrumpierungseffekt, Spitzers Demotivations-These) kennst du aber aus dem Kapitel.
Das Geschäft mit der Hoffnung — Motivations-Mythen
Wahr oder Verkaufstrick? Prüfe die gängigen Versprechen der Motivations-Branche.
Ein guter Motivationstrainer kann jeden Menschen dauerhaft motivieren.
Belohnung ist immer der beste Weg, um zu motivieren.
Oft ist die bessere Frage nicht, wie man motiviert, sondern warum so viele demotiviert sind.
Wer sich sein Ziel nur oft und positiv genug vorstellt, erreicht es von allein.
Der Hirnforscher Manfred Spitzer vertritt die These: Menschen seien von Natur aus motiviert — die Frage Wie erzeuge ich Motivation? sei so sinnlos wie Wie erzeuge ich Hunger?. Das eigentliche Problem sei die Demotivation, die unsere Gesellschaft (Schule, Wettbewerbe, starre Regeln) oft selbst erzeuge. Nehmen Sie zu dieser These Stellung.