Lauter Einser
Psychologie und Philosophie — LautGedacht
PsychologiePhilosophie
6. Klasse
Psychologie · Kapitel 8 · Intelligenz

Psychologie / Kapitel 8

Intelligenz

„Klug sein“ klingt nach einer Sache, die man hat oder nicht. Doch je genauer man hinschaut, desto mehr zerfällt der Begriff: Die Fachwelt streitet bis heute, was Intelligenz überhaupt ist, Tests fangen immer nur einen Ausschnitt ein, und Hochbegabung wie das Savant-Syndrom sprengen jede einfache Skala. In diesem Kapitel misst, ordnest und probierst du selbst — und findest heraus, wie viel (und wie wenig) eine einzige Zahl über einen Menschen sagt.

Was Intelligenz ist

Erkenne dich selbst

Lektion 8

Schon der Philosoph Heraklit meinte vor 2500 Jahren, jedem Menschen sei es gegeben, sich selbst zu begreifen und mit Verstand zu handeln. Aber was heißt „klug“? Die Psychologie versteht unter Intelligenz die allgemeine geistige Leistungsfähigkeit — also die Fähigkeit, Informationen klug zu verarbeiten, aus Erfahrungen zu lernen und dieses Wissen auf ganz neue Lagen anzuwenden, um so Probleme jeder Art rasch zu lösen.

Der Hirnforscher Gerald Hüther beschreibt, was dabei im Kopf passiert: Immer wenn ein Kind etwas Neues erlebt oder lernt, werden die beteiligten Verbindungen zwischen den Nervenzellen gebahnt — aus schmalen Trampelpfaden werden bei häufiger Nutzung feste Straßen. Das gelingt besonders, wenn Kinder sich bewegen, Neues entdecken und mit Begeisterung dabei sind. Je verzweigter dieses Netz wird, desto mehr kann ein Mensch später verknüpfen — und desto reicher sind seine Möglichkeiten, ein Problem zu lösen.

Anlage oder Umwelt?

Wie viel von Intelligenz ist angeboren, wie viel gemacht? Zwillings- und Geschwisterstudien geben eine grobe Schätzung — und die Antwort ist ein Sowohl-als-auch:

Anlage 50%Umwelt 25%Zufall 25%
Etwa die Hälfte geht auf die Anlagen zurück, ein Viertel auf Familie und Umwelt, der Rest auf Zufall. Wichtig: Auch die größte Begabung verkümmert ohne Förderung — und die beste Förderung macht ohne Anlage kein Wunderkind. Beides muss zusammenkommen.

Was die Entwicklung der Intelligenz fördert, ist erstaunlich alltäglich: verlässliche Beziehungen, emotionale Zuwendung, viel Sprache, das Ermutigen zu Selbstständigkeit — und immer wieder neue Situationen und Aufgaben. Wer zu jonglieren beginnt oder ein Instrument lernt, zwingt sein Nervennetz zu neuen Verknüpfungen. Sogar Bewegung verbessert die geistige Leistung, ganz wie Gehirnjogging.

Matura-Moment · Transfer

Ein Freund sagt: „Intelligenz hat man von Geburt an — daran kann man nichts ändern.“ Nimm mit der Anlage-Umwelt-Verteilung (etwa 50 / 25 / 25) begründet Stellung.

Schreib zuerst ein paar Sätze — dann schaltet die Musterantwort frei.

Intelligenztheorien

Sieben Blicke auf einen Begriff

Lektion 8.1

Die alte Streitfrage lautet: Ist Intelligenz eine allgemeine Fähigkeit — oder ein Bündel vieler unabhängiger? Sieben Theorien geben sieben verschiedene Antworten. Sieh sie dir einzeln an; keine ist einfach „richtig“, jede beleuchtet eine andere Seite.

1 · Spearman: ein Faktor über allem

gs-Faktoren
Charles Spearman (1904) fand hinter allen geistigen Leistungen einen gemeinsamen Generalfaktor g — plus viele spezifische s-Faktoren für einzelne Bereiche. Kurz: eine Grundintelligenz, die überall mitspielt.

2 · Cattell: flüssig und kristallin

fluidekristallinLebensalter →
Raymond Cattell (1963) teilte g in zwei: die fluide Intelligenz ist angeboren, kulturfrei, gut für ganz neue Probleme — und lässt mit dem Alter nach. Die kristalline Intelligenz ist erworben: angesammeltes Wissen, das ein Leben lang wächst.

3 · Thurstone: sieben statt eins

Louis Thurstone (1938) widersprach Spearman: Er fand sieben eigenständige Primärfaktoren — räumliches Vorstellen, Wahrnehmungstempo, Sprachverständnis, Wortflüssigkeit, Rechnen, Gedächtnis und schlussfolgerndes Denken. Kein einzelnes g, sondern ein Team von Fähigkeiten.

4 · Gardner: neun Intelligenzen

Howard Gardner (1983) ging noch weiter: neun voneinander unabhängige Intelligenzen, keine mehr wert als die andere. Er war der Erste, der auch den Umgang mit sich selbst und mit anderen dazuzählte. Ordne selbst zu:

Zuordnung · Welche Intelligenz?
Howard Gardner sagt: Es gibt nicht die eine Intelligenz, sondern viele voneinander unabhängige. Lies die Beschreibung und ordne sie der passenden Form zu.
Mira hört sofort, wenn eine Melodie einen halben Ton zu tief ist, und klopft komplizierte Rhythmen mit, als wäre nichts dabei.
Welche Intelligenzform passt am besten?

5 · Emotionale Intelligenz

John Mayer und Peter Salovey (1990) prägten den Begriff der emotionalen Intelligenz; Daniel Goleman machte ihn weltberühmt. Sie zählt nicht zum klassischen IQ — aber sie entscheidet oft mehr über ein gelingendes Leben. Schätz dich selbst ein:

Selbstwahrnehmung · Emotionale Intelligenz
Emotionale Intelligenz heißt: die eigenen Gefühle und die der anderen wahrnehmen, verstehen und klug damit umgehen. Schätz dich auf Golemans fünf Bausteinen ein — es gibt hier kein Richtig oder Falsch, nur deine eigene Sicht.
Der Ursprung (Mayer & Salovey): Gefühle wahrnehmen · sie ausdrücken · sie verstehen · sie regulieren. Daniel Goleman machte daraus fünf alltagsnahe Bausteine — die Regler unten.
SelbstbewusstseinIch merke schnell, was ich gerade fühle.
trifft kaum zutrifft voll zu
SelbstmotivationAuch bei zähen Aufgaben bleibe ich aus eigenem Antrieb dran.
trifft kaum zutrifft voll zu
SelbststeuerungWenn ich wütend werde, kann ich mich meist wieder beruhigen.
trifft kaum zutrifft voll zu
Soziale KompetenzIch komme mit ganz unterschiedlichen Menschen gut zurecht.
trifft kaum zutrifft voll zu
EmpathieIch spüre oft, wie es anderen geht, auch ohne dass sie es sagen.
trifft kaum zutrifft voll zu
Du hast dich überall ähnlich eingeschätzt. Spreiz die Regler stärker, dann zeigt dir das Profil, wo deine Stärke und wo dein Wachstumsfeld liegt.
Das ist ein Stimmungsbild, kein Testergebnis — emotionale Intelligenz lässt sich nicht in einer Note fangen. Und das Beste: Anders als der IQ kann man jeden dieser Bausteine gezielt üben.

6 · Sternberg: Erfolgsintelligenz

Perspektiven3 Schulen

Die drei Seiten der Erfolgsintelligenz

Robert Sternberg (1997): Erfolgreich ist, wer seine Stärken nutzt und Schwächen ausgleicht — ein Gleichgewicht aus drei Intelligenzen. Klick dich durch.

Der Fall: Robert Sternberg fragt nicht „Wie hoch ist dein IQ?“, sondern „Wie schaffst du es, im Leben erfolgreich zu sein?“

Analytisch — die Schul-Intelligenz

Probleme durchdenken, vergleichen, bewerten — genau das, was klassische IQ-Tests messen. Stark in der Schule, aber nur ein Drittel des Ganzen.

7 · Die „neue Intelligenz“: der Flynn-Effekt

Der Forscher James Flynn entdeckte etwas Verblüffendes: Über das ganze 20. Jahrhundert sind die durchschnittlichen IQ-Test-Ergebnisse stetig gestiegen — heutige Menschen schneiden in denselben Tests besser ab als ihre Großeltern. Woran liegt das?

Meilensteine5 Stationen

Warum der Durchschnitts-IQ gestiegen ist (Flynn-Effekt)

  1. Gesundheit
    Bessere Ernährung

    Gesündere Kinder, mehr Vorsorge — das Gehirn entwickelt sich unter besseren Bedingungen.

  2. Bildung
    Längere Schule

    Wir gehen deutlich länger zur Schule als noch vor 50 Jahren.

  3. Umgebung
    Mehr Anregung

    Kinder wachsen in reizreicheren, abwechslungsreicheren Umgebungen auf.

  4. Technik
    Neue Technologien

    Internet und Smartphones verlangen ständiges Neu-Lernen und abstraktes Denken.

  5. Medien
    Wissen für alle

    Informationen sind leichter und schneller verfügbar — Wissen wächst schneller.

Wusstest du … der Marshmallow-Test? Der Psychologe Walter Mischel legte Kindern einen Marshmallow vor: sofort essen — oder 15 Minuten warten und dann zwei bekommen. Jahre später kamen die Kinder, die gewartet hatten, mit Frust und Stress besser zurecht und waren in der Schule oft erfolgreicher. Selbstbeherrschung schlägt manchmal den IQ.
Matura-Moment · Reflexion

Definiere Intelligenz einmal so, dass man sie einer künstlichen Intelligenz (KI) zusprechen könnte — und einmal so, dass sie nur auf Menschen passt. Was fällt dir dabei auf?

Schreib zuerst ein paar Sätze — dann schaltet die Musterantwort frei.

Intelligenzmessung

Was eine Zahl misst

Lektion 8.2

Ein Intelligenztest will die geistige Leistungsfähigkeit nach festen Maßstäben in einer Zahl ausdrücken. Die Idee ist gut 120 Jahre alt — und ihre Geschichte ist voller kluger Einfälle und dunkler Irrwege.

Meilensteine5 Stationen

Die Geschichte des IQ-Tests

  1. 1904
    Binet & Simon

    Der erste Intelligenztest — gedacht, um Kindern mit Förderbedarf zu HELFEN, nicht um „angeborene“ Intelligenz zu messen. Binet warnte ausdrücklich davor.

  2. 1912
    William Stern

    Erfindet den „Intelligenzquotienten“ (IQ): Intelligenzalter geteilt durch Lebensalter, mal 100.

  3. 1932
    David Wechsler

    Der Abweichungs-IQ: Vergleich mit Gleichaltrigen, Mittelwert 100, Streuung 15 — bis heute Standard.

  4. 1937
    Lewis Terman

    Baut den Test in den USA aus (Stanford-Binet) — deutet ihn aber als angeboren und war ein Anhänger der Eugenik (siehe unten).

  5. 1991
    HAWIE-R

    Der Hamburg-Wechsler-Test, im deutschen Sprachraum am meisten genutzt: ein Verbal- und ein Handlungsteil.

Der erste IQ war ein simpler Bruch. Probier ihn selbst — und sieh dann an der Glockenkurve, was ein Wert bedeutet.

Instrument · IQ-Rechner
Der allererste IQ war ein simpler Bruch: Wie alt denkt ein Kind — im Vergleich dazu, wie alt es ist? Stell beide Alter ein und sieh, was herauskommt.
10 Jahre
8 Jahre
Intelligenzalter ÷ Lebensalter × 100  =  10 ÷ 8 × 100  =  125
125 — das Kind ist seinem Alter voraus (es denkt wie ein älteres Kind). Auf der Kurve liegt das über rund 95 % (überdurchschnittlich).
Der Haken: Diese Formel passt nur für Kinder. Ein 40-Jähriger hat kein doppelt so hohes „Intelligenzalter“ wie ein 20-Jähriger — das Denken wächst nicht ewig linear mit den Jahren. Darum erfand David Wechsler 1932 den Abweichungs-IQ: Er vergleicht dich nicht mit deinem Alter, sondern mit allen anderen deines Alters — die Glockenkurve von nebenan.
Instrument · Normalverteilung
Zieh den Regler auf einen IQ-Wert. Die schraffierte Fläche links zeigt, wie viele Menschen darunter liegen — sie ist dein Perzentilrang. So sieht man, warum die Mitte so voll und die Ränder so leer sind.
100
100
Ein IQ von 100 ist höher als rund 50 % aller Menschen — etwa 50 % liegen darüber. Das ist der Bereich Normalbegabung (ungefähr 68.2 % der Bevölkerung).
Zwei Faustregeln stecken in der Kurve: Rund 68 % aller Menschen liegen im Bereich 85–115 (also 15 Punkte um die Mitte), und rund 95 % zwischen 70 und 130. Genau deshalb gilt ein IQ ab 130 als „weit überdurchschnittlich“: Nur etwa zwei von hundert erreichen ihn. Der IQ ist übrigens so konstruiert, dass der Durchschnitt immer 100 ergibt — die Zahl sagt also nur, wo du im Vergleich zu anderen stehst.
⚠ Die dunkle Seite: Lewis Terman und andere hielten den IQ für angeboren und unterstützbar durch Eugenik — die heute zu Recht geächtete Idee, „erwünschte“ Erbanlagen zu fördern und „unerwünschte“ zu verhindern, bis hin zu Zwangssterilisationen. Später musste Terman selbst einräumen, dass IQ-Ergebnisse stark von der Kultur abhängen. Ein Mahnmal dafür, wie gefährlich es ist, den Wert eines Menschen an einer Zahl festzumachen.
IQ 50IQ 75IQ 90IQ 120IQ 140IQ 160
Eine Karikatur zum Nachdenken. Von links nach rechts steigt der IQ — und das Lächeln kippt ins Grübeln. Was will die Zeichnung sagen? Vielleicht: Ein hoher IQ macht nicht automatisch glücklicher. Oder sogar: Wer zu viel durchschaut, hat es manchmal schwerer. Deine Deutung?

Kritik: Was ein IQ NICHT sagt

So praktisch die Zahl ist — Fachleute nennen viele Haken. Wahr oder falsch?

Selbsttest6 Aussagen

IQ-Tests auf dem Prüfstand

Sechs Aussagen zur Kritik an Intelligenztests. Welche stimmen?

Ein IQ-Test von 1970 würde einen heutigen Durchschnittsmenschen als überdurchschnittlich einstufen.

Es gibt eine einzige, allgemein anerkannte Definition von Intelligenz.

Ein hoher IQ sagt zuverlässig einen erfolgreichen Berufs- und Lebensweg voraus.

Intelligenz ist ein für alle Mal festgelegt und lässt sich nicht mehr steigern.

Müdigkeit, Nervosität und Stress am Testtag können das Ergebnis verändern.

IQ-Tests hängen stark von Sprache, Bildung und Kultur ab.

Matura-Moment · Transfer

Erkläre Wechslers Normalverteilung des IQ: Warum liegen so viele Menschen in der Mitte und so wenige an den Rändern? Nutze die Werte, die du an der Glockenkurve gesehen hast.

Schreib zuerst ein paar Sätze — dann schaltet die Musterantwort frei.
Matura-Moment · Reproduktion

Nenne die drei Gütekriterien, die ein Test erfüllen muss, um wissenschaftlich anerkannt zu sein, und erkläre jedes kurz.

Schreib zuerst ein paar Sätze — dann schaltet die Musterantwort frei.

Hochbegabung

Begabung ist noch kein Talent

Lektion 8.3

Aus Filmen kennen wir sie: den kleinen Malcolm, den Physiker Sheldon Cooper, den Mathematiker John Nash. Und es gab sie wirklich — Menschen, deren Leistungen die Skala sprengten:

Vier hochbegabte Köpfe der Geschichte

Porträt von Wolfgang Amadeus Mozart
W. A. Mozart
Foto von Marie Curie
Marie Curie
Foto von Thomas Alva Edison
Thomas A. Edison
Porträt von Isaac Newton
Isaac Newton

Hochbegabte fallen oft früh auf: hohes Lerntempo, große Wissbegierde, ein starkes Gedächtnis. Aber Achtung — Hochbegabung zeigt sich nicht zwingend in guten Noten (viele Hochbegabte scheiterten in der Schule). Die anerkannte Definition des US-Bildungsbeauftragten Sidney Marland nennt gleich sechs Bereiche: allgemeine intellektuelle Fähigkeit, spezielle schulische Begabung, Kreativität, Führungsqualität, Kunst — und psychomotorische (körperliche) Begabung.

Perspektiven2 Schulen

Ein Faktor oder viele?

Über die Ursache von Hochbegabung gibt es zwei Lager. Klick beide an.

Der Fall: Was macht jemanden hochbegabt — allein der IQ, oder ein Zusammenspiel?

Einfaktorentheorie — nur der IQ (Terman)

Lewis Terman machte Hochbegabung allein am IQ ≥ 135 fest — biologisch bestimmt, unabhängig von Umfeld und Persönlichkeit. Einfach zu messen, aber viel zu eng.

Gagnés Modell: von der Begabung zum Talent

Begabung
überdurchschnittl. Kompetenz
→ Lernen · Training
+ Katalysatoren →
Talent
überdurchschnittl. Performanz
Der Begabungsforscher Françoys Gagné unterscheidet klar: Begabung ist die angeborene, noch unentwickelte Fähigkeit; Talent ist die daraus entwickelte Spitzenleistung. Dazwischen liegen Jahre des Übens — angetrieben von Katalysatoren: dem Umfeld (Menschen, Gelegenheiten, Zufall) und der Person (Motivation, Ausdauer, Selbstvertrauen). Sein Merksatz: Jeder Talentierte ist begabt — aber nicht jeder Begabte ist auch talentiert.

Daraus folgt die große Aufgabe der Schule: Fördern. Drei Wege gibt es. Individualisierung & Differenzierung (auf einzelne Schüler eingehen, verschiedene Methoden), Enrichment (den Stoff anreichern: Projekte, Wahlfächer, Wettbewerbe) und Akzeleration (schneller vorankommen: früher einschulen, Klassen überspringen). Fehlt die Förderung, droht Underachievement — dann bleibt die Leistung dauerhaft unter dem, was möglich wäre. Die Psychologin Elsbeth Stern zeigte sogar: Weniger begabte Kinder mit guten Lehrkräften lernen mehr als hochbegabte mit schlechten.

Matura-Moment · Transfer

Vergleiche Termans Einfaktorentheorie mit Gagnés Modell der Hochbegabung. Worin liegt der entscheidende Unterschied?

Schreib zuerst ein paar Sätze — dann schaltet die Musterantwort frei.
Matura-Moment · Reflexion

Ein hochbegabtes Kind langweilt sich im Unterricht und stört. Entwickle mit den drei Förderwegen (Individualisierung, Enrichment, Akzeleration) konkrete Maßnahmen — und wäge ab.

Schreib zuerst ein paar Sätze — dann schaltet die Musterantwort frei.

Das Savant-Syndrom

Eine Insel, ein Ozean

Lektion 8.4

Es gibt Menschen mit einer einzigen, unglaublichen Gabe — und sonst starken Einschränkungen. Ein Savant (frz. für „wissend“) hat eine Inselbegabung: In einem Bereich (Rechnen, Zeichnen, Musik, Kalender) leistet er Außergewöhnliches, im Alltag ist er aber meist auf Hilfe angewiesen. Weltweit sind nur etwa 100 bekannt; sechs von sieben sind männlich, rund die Hälfte autistisch.

Video

„Rain Man“ — die Zahnstocher-Szene

Die Figur Raymond ist vom echten Savant Kim Peek inspiriert. In dieser Szene erfasst er die Zahl verstreuter Zahnstocher auf einen Blick. Achte darauf, wie er zur Zahl kommt — und wo er zugleich Hilfe braucht.

Filmausschnitt aus „Rain Man“ (Regie: Barry Levinson, 1988) · Movieclips

Beim Ansehen — achte darauf:

  1. Wie viele Zahnstocher nennt Raymond — und wie lange braucht er dafür?
  2. Woran merkt man, dass er die Menge nicht zählt, sondern direkt „sieht“?
  3. Welche Grenzen zeigt dieselbe Szene: Wobei ist Raymond auf seinen Bruder angewiesen?

Das Vorbild war Kim Peek (1951–2009). Er hatte rund 12 000 Bücher Wort für Wort im Kopf, kannte unzählige Daten und Fahrpläne und nannte zu jedem Datum sofort den Wochentag. Genau das kannst du jetzt selbst versuchen — und dann sehen, wie es ihm so leichtfiel:

Selbstversuch · Wochentags-Rechner
Kim Peek — das Vorbild für „Rain Man“ — nannte zu jedem beliebigen Datum sofort den Wochentag. Probier es selbst: Gib ein Datum ein, rate den Wochentag, dann lass nachrechnen.
Dein Tipp:

Woher kommt das?

Die Hirnforscher Darold Treffert und Allan Snyder vermuten: Bei vielen Savants sind die linke Hirnhälfte und der Balken zwischen den Hirnhälften (Corpus callosum) beeinträchtigt — bei Kim Peek fehlte er ganz. Snyders zugespitzte These: Man muss einen Teil des Gehirns gewissermaßen abschalten, damit solche Fähigkeiten hervortreten. Denn normalerweise filtert unser Gehirn fast alles weg, um sich konzentrieren zu können (→ Kapitel 3.2). Bei Kim Peek arbeitete dieser Filter nicht — sein Gehirn speicherte einfach alles.

Wusstest du … dass man Savant werden kann? Orlando Serrell wurde als Kind von einem Baseball an der Schläfe getroffen. Ein Jahr später merkte er, dass er sich an jeden einzelnen Tag seit dem Unfall erinnern konnte — Wetter, Essen, alles. Ein erworbener Savant. Manche Forscher vermuten deshalb, dass in uns allen solche Fähigkeiten schlummern — nur unterdrückt sie das Gehirn.

Für Savants ist das Rechnen oder Zeichnen so mühelos wie für uns Radfahren: Es läuft über das automatische Gedächtnis (→ Kapitel 4.1), das rund 90 % unserer Handlungen unbewusst steuert. Der Autor Daniel Tammet beschreibt seine Gabe von innen: Für ihn haben Zahlen Farben, Formen und Charaktere — eine sogenannte Synästhesie. So „sieht“ er, ob eine Zahl eine Primzahl ist, und erkennt sie noch bei vierstelligen Werten (bis fast 10 000).

Matura-Moment · Transfer

Beschreibe das Savant-Syndrom an einem konkreten Beispiel (etwa Kim Peek) und erkläre, was die Filtersysteme des Gehirns mit außergewöhnlichen Gedächtnisleistungen zu tun haben.

Schreib zuerst ein paar Sätze — dann schaltet die Musterantwort frei.
Matura-Moment · Reflexion

Der Psychologe Daniel Goleman schreibt, der IQ trage höchstens etwa 20 % zu den Faktoren eines gelingenden Lebens bei — der Rest hänge an anderem. Nimm begründet Stellung: Wie viel sagt ein Testergebnis über deinen weiteren Weg?

Schreib zuerst ein paar Sätze — dann schaltet die Musterantwort frei.