Psychologie / Kapitel 9
Entwicklung
Kein Mensch kommt fertig zur Welt. Aus einem Bündel, das nichts kann außer schreien, saugen und greifen, wird in wenigen Jahren jemand, der geht, spricht, lügt, liebt, plant und über den eigenen Tod nachdenkt. Dieses Kapitel begleitet ein ganzes Leben — von der Zeugung bis zum letzten Atemzug — und fragt bei jeder Station: Was treibt diese Verwandlung an, in welchen Stufen verläuft sie, und wie viel von dem, was wir einmal waren, bleibt in uns? Du wirst dich und die Menschen um dich herum an vielen Stellen wiedererkennen.
Ein Leben lang
Was Entwicklung antreibt
„Leben heißt sich wandeln.“ — So ungefähr lässt sich zusammenfassen, was die Entwicklungspsychologie untersucht: die überdauernden Veränderungen des Erlebens und Verhaltens über die gesamte Lebensspanne hinweg. Lange dachte man dabei nur an Kinder. Heute ist klar: Entwicklung endet nicht mit dem Erwachsenwerden — auch mit 40 oder 80 verändert sich ein Mensch noch, steht vor neuen Aufgaben und Krisen.
Warum wir so früh und hilflos zur Welt kommen
Drei Kräfte, die uns formen
Woher kommt die Verwandlung?
Meist wirken alle drei Kräfte zugleich. Klick sie durch — und sieh, wie dieselbe Szene je nach Blickwinkel anders aussieht.
Der Fall: Ein zweijähriges Kind, das gestern noch krabbelte, läuft heute quer durchs Zimmer und ruft dabei stolz seinen ersten ganzen Satz. Woher kommt dieser Sprung?
Ein Teil ist schlicht angelegt. Wachstum meint das Größer- und Schwererwerden, Reifung das Freischalten von Fähigkeiten, sobald Nervensystem und Muskeln so weit sind. Man kann einem Säugling das Gehen nicht „beibringen“, bevor sein Gleichgewichtssinn reif ist — die Anlage gibt den Takt vor.
Wie man Entwicklung erforscht
Um Veränderungen über die Zeit sichtbar zu machen, hat die Forschung drei Wege — jeder mit einem eigenen Preis:
Die Reise im Überblick
Ein Leben in Etappen
- vor der GeburtPränatale Phase
Von der Zeugung bis zur Geburt — in rund neun Monaten von einer einzigen Zelle zum fertigen kleinen Menschen.
- 0–1 J.Säuglingsalter
Die Welt wird über Mund, Haut und Blick erkundet. Zentral: eine sichere Bindung zu einer verlässlichen Bezugsperson.
- 1–6 J.Frühe Kindheit
Gehen, Sprechen, „Nein!“-Sagen, So-tun-als-ob. Das Kind erobert Körper, Sprache und eigenen Willen.
- 6–12 J.Schulkindalter
Lesen, Rechnen, Regeln, Freundschaften. Jetzt zählt: Kann ich etwas? — und der Vergleich mit anderen.
- 12–20 J.Adoleszenz
Der Umbau zum Erwachsenen: Körper, Gefühle, die große Frage „Wer bin ich?“ und das Ablösen vom Elternhaus.
- 20–65 J.Erwachsenenalter
Beziehung, Beruf, oft eigene Kinder. Die Aufgabe der Lebensmitte: etwas weitergeben, statt still zu stehen.
- ab 65 J.Höheres Alter
Abschied vom Beruf, Rückblick, Verluste — und die Chance, mit dem eigenen Leben im Reinen zu sein.
Das Sprichwort sagt: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Ordne es einer Position im Streit zwischen Anlage und Umwelt zu und beurteile, ob es aus heutiger Sicht haltbar ist.
Drei ungeklärte Fragen
Woran sich die Forschung reibt
Bevor wir ein Leben durchschreiten, drei Streitfragen, an denen sich die Entwicklungspsychologie bis heute reibt. Keine ist endgültig geklärt — aber jede schärft den Blick.
Bleibe ich dieselbe Person?
Zur zweiten Frage — stabil oder veränderlich? — passt ein uraltes Gedankenexperiment: Man ersetzt an einem Schiff nach und nach jede Planke, bis kein Originalteil mehr übrig ist. Ist es noch dasselbe Schiff? Und du: In deinem Körper werden laufend Zellen ausgetauscht …
SRF Kultur, Filosofix: „Das Schiff des Theseus“ (Gedankenexperiment)
Beim Ansehen — achte darauf:
- Ist das Schiff nach dem letzten Austausch noch „dasselbe“ Schiff? Warum (nicht)?
- Übertrag auf dich: Bist du noch dieselbe Person wie mit fünf Jahren — obwohl fast alles anders ist?
- Was macht Identität dann aus, wenn nicht der gleiche Stoff: die Erinnerung, die Geschichte, etwas anderes?
Anlage oder Umwelt?
Der älteste Streit der Psychologie
Zwei Geschwister, dasselbe Haus, dieselben Eltern — und doch zwei völlig verschiedene Menschen. Woran liegt das? Am Angeborenen (der Anlage) oder am Erlebten (der Umwelt)? Um diese Frage tobt der älteste Streit des Fachs. Vier Antworten:
Vier Theorien, ein Streit
Klick dich durch — und sieh, wie dieselbe Beobachtung je nach Theorie anders erklärt wird.
Der Fall: Ein Kind ist auffallend ängstlich, sein Bruder wagemutig. Woher kommt der Unterschied?
Entscheidend ist das angeborene Programm. Fähigkeiten und auch Temperament reifen von innen heran; die Umwelt liefert nur den Rahmen, in dem sich entfaltet, was ohnehin angelegt ist.
Die Pole des Streits — vier Denker




Ordne die Milieutheorie und die Reifungstheorie jeweils dem richtigen Pol im Anlage-Umwelt-Streit zu und nenne zu jeder einen Kerngedanken.
Vor der Geburt
Neun Monate, die alles anlegen
Das Leben beginnt nicht mit dem ersten Schrei. Neun Monate vorher läuft im Verborgenen die erstaunlichste Verwandlung ab: aus einer einzigen Zelle wird ein Mensch. Steig ein und geh die drei Phasen durch.
Was von außen schaden kann
Über die Plazenta (den Mutterkuchen) ist das Ungeborene versorgt — aber sie ist kein perfekter Filter. Schädliche Einflüsse von außen nennt man Teratogene. Prüf dein Gespür: Was stimmt, was ist ein Mythos?
Mythos oder Wahrheit?
Tippe für jede Aussage, ob sie stimmt — dann deckst du auf.
Ein Gläschen Sekt ab und zu schadet dem Ungeborenen sicher nicht.
Rauchen wirkt sich nur auf das Geburtsgewicht aus.
Die frühen Wochen (Embryonalphase) sind besonders empfindlich für Schäden.
Auch anhaltender Stress der Mutter kann das Ungeborene erreichen.
Harte Drogen wie Heroin gehen nicht auf das Kind über.
Erkläre, warum die ersten Schwangerschaftswochen für Schädigungen besonders kritisch sind, und nenne ein Beispiel für ein Teratogen mit seiner Wirkung.
Die Kindheit
Wie Körper und Denken sich erobern
In den ersten Jahren erobert das Kind gleich mehrere Welten auf einmal: den Körper, den Stift, das Denken und die Sprache. Schauen wir jedem Umbau einzeln zu.
Der Körper lernt sich bewegen
Die Hand lernt zeichnen
Kinderzeichnungen sind kein misslungener Realismus — sie zeigen, wie ein Kind die Welt denkt.

Der Kopf baut sich um
Das klingt abstrakt? Dann probier es selbst aus — an Piagets zwei berühmtesten Versuchen:
Und die Sprache?
Fast wie von selbst knackt jedes Kind den kompliziertesten Code der Welt: die Sprache. Vom ersten Lallen über einzelne Wörter zu ganzen Sätzen — in nur wenigen Jahren.
Piaget sagt: „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen.“ Erkläre an einem seiner Befunde (z. B. der Erhaltung oder der Objektpermanenz), was er damit meint.
Bindung
Das Herzstück
Frag dich einmal: Was bindet ein Baby eigentlich an seine Eltern — die Nahrung, die sie geben, oder die Nähe und Wärme? Lange hielt man das Füttern für den Kitt. Ein berühmtes (und heute umstrittenes) Experiment stellte diese Annahme auf den Kopf.
Harlows Affen: Draht oder Stoff?
In den 1950er-Jahren bot Harry Harlow jungen Rhesusaffen zwei Ersatzmütter an: eine aus kaltem Draht, aber mit Milchflasche, und eine aus weichem Stoff, aber ohne Nahrung. An welcher würde sich das Äffchen festhalten?
Archivaufnahme zu Harry Harlows Bindungsexperiment (englisch)
Beim Ansehen — achte darauf:
- Zu welcher „Mutter“ flüchtet das Äffchen, sobald es Angst bekommt?
- Was zählt für den kleinen Affen offenbar mehr — die Milch oder der weiche, warme Halt?
- Was heißt das für die Frage, was ein Kind wirklich an seine Bezugsperson bindet?
Der Kinderpsychiater John Bowlby gab dem Band zwischen Kind und Bezugsperson einen Namen: Bindung (englisch attachment). Sie zeigt sich im Bindungsverhalten — das Baby lächelt, klammert, ruft, sucht Blickkontakt, alles, um die Nähe seiner Schutzperson zu sichern. Aus Sicht der Evolution ist das lebensrettend. Die Bezugsperson wird zur sicheren Basis: der Ort, von dem aus das Kind mutig die Welt erkundet — und zu dem es zurückkehrt, wenn es unsicher wird.
Ainsworths „fremde Situation“
Bowlbys Mitarbeiterin Mary Ainsworth baute daraus einen klugen Test. Ein Kleinkind, seine Mutter und eine fremde Person durchlaufen ein festes Drehbuch; die Mutter geht zweimal kurz hinaus und kommt wieder. Verräterisch ist nicht das Weinen — sondern das Wiedersehen.
Demonstration von Mary Ainsworths „Strange Situation“ (englisch)
Beim Ansehen — achte darauf:
- Wie reagiert das Kind in dem Moment, in dem die Mutter den Raum verlässt?
- Und — viel wichtiger — was tut es, sobald sie zurückkommt?
- Lässt es sich trösten und spielt weiter, oder bleibt etwas verstört zurück?
Vier Muster, wie wir mit Nähe umgehen
Und warum lohnt sich all das? Weil Bowlby vermutete, dass diese frühen Erfahrungen nicht einfach verschwinden. Das Kind baut sich aus ihnen ein inneres Arbeitsmodell — eine Art Grundannahme darüber, ob Nähe sicher ist und ob es selbst liebenswert ist. Und dieses Modell nimmt es mit, bis weit ins Erwachsenenleben.
Selbstbild × Fremdbild
Nähe und Eigenständigkeit gehen zusammen.
Lieber auf sich selbst verlassen.
Klammern aus Angst, nicht zu genügen.
Nähe ersehnen und fürchten zugleich.
Damit schließt sich ein Kreis zurück zu Eriksons Urvertrauen (gleich unten): Die allererste Lebensstufe und die Bindungsforschung erzählen dieselbe Geschichte — dass verlässliche Nähe das Fundament legt, auf dem später alles aufbaut. Wie sich dieses Fundament in der Pubertät noch einmal auf die Probe stellt, siehst du in 9.6.
Ich & Gewissen
Wie ein Selbst entsteht
Ein Mensch wird nicht nur größer und klüger — er wird jemand. Er baut sich ein Ich, ein Gefühl dafür, wer er ist, und ein Gewissen, ein Gefühl dafür, was er anderen schuldet. Zwei Forscher haben diesen inneren Aufbau in Stufen gefasst. Der erste blickt auf das ganze Leben.
Und das Gewissen? Kohlbergs Moral-Stufen
Erikson beschrieb, wie ein Ich entsteht. Der zweite Forscher, Lawrence Kohlberg, fragte, wie ein Gewissen reift — genauer: wie sich das moralische Begründen mit dem Alter verändert. Er fand drei Ebenen.

Erziehung
Was Kinder wachsen lässt
Kein Mensch erzieht sich selbst — am Anfang tun es andere. Aber was hilft einem Kind wirklich zu wachsen: Strenge, Freiheit, Wärme? Prüf zuerst dein eigenes Bauchgefühl.
Was stimmt über Erziehung?
Tippe wahr oder falsch — dann deckst du auf.
Strenge Strafen sind der wirksamste Weg, damit Kinder etwas lernen.
Kinder brauchen Grenzen, um sich sicher zu fühlen.
Wer ein Kind viel lobt, verwöhnt es und macht es schwach.
Der Erziehungsstil der Eltern beeinflusst, wie selbstständig ein Kind wird.
Drei Haltungen, die tragen
das Kind annehmen, wie es ist — auch wenn man sein Verhalten kritisiert
sich in das Kind einfühlen und die Welt aus seiner Sicht sehen
ehrlich und stimmig sein, statt eine Rolle zu spielen
Kurt Lewins drei Erziehungsstile
Der Psychologe Kurt Lewin unterschied drei Grundstile. Klick sie durch — jeder hat seinen Preis.
Der Fall: Eine Gruppe Kinder soll gemeinsam ein Projekt bauen. Wie führt die erwachsene Person sie an?
Ansagen von oben, wenig Mitsprache. Ergebnis oft: Die Kinder arbeiten, solange kontrolliert wird — und werden entweder unterwürfig oder heimlich aufsässig.
Ganz ohne Grenzen ging es sogar im berühmten Internat Summerhill (A. S. Neill) sehr weit Richtung Freiheit — die Kinder entschieden vieles selbst. Andere, wie der Sozialforscher Klaus Hurrelmann, betonen dagegen: Kinder brauchen beides, Freiraum und verlässliche Orientierung. Die Kunst der Erziehung liegt in der Balance.
Nimm begründet Stellung: Sollte Erziehung eher Grenzen setzen oder eher Freiheit lassen? Beziehe mindestens zwei Fachbegriffe aus dieser Lektion ein.
Adoleszenz
Der Umbau zum Erwachsenen
Kein Lebensabschnitt krempelt so viel um wie deiner gerade: Körper, Gefühle, Freundschaften, das Verhältnis zu den Eltern — alles ist in Bewegung. Kein Wunder, dass die Adoleszenz als Zeit der Stürme gilt. Aber sie hat eine klare Aufgabe.
Ihre große Frage kennst du schon aus Eriksons Stufen: „Wer bin ich — und wer will ich sein?“ Man probiert Rollen, Stile, Meinungen durch, verwirft sie wieder, sucht ein stimmiges Selbst. Gelingt das, entsteht eine feste Identität; misslingt es länger, bleibt eine quälende Orientierungslosigkeit (Identitätsdiffusion).
Wichtig wird jetzt die Peergroup — die Gleichaltrigen. An ihnen misst man sich, von ihnen holt man sich Rückhalt, während man sich zugleich Schritt für Schritt vom Elternhaus ablöst. Auch der eigene Körper fühlt sich neu und manchmal fremd an, und die ersten großen Gefühle — Liebe und Sexualität — kommen ins Spiel. All das gehört dazu und ist keine Krankheit, sondern die Arbeit des Erwachsenwerdens.
Das Erwachsenenalter
Entwicklung hört nicht auf
Mit 20 ist man fertig entwickelt? Von wegen. Auch das lange Erwachsenenalter stellt immer neue Aufgaben — es verläuft nur leiser als die Kindheit.
Drei Phasen des Erwachsenseins
- ca. 20–40Frühes Erwachsenenalter
Die Zeit der Weichenstellungen: feste Beziehung, Beruf, oft eigene Kinder. Eriksons Aufgabe hier: echte Intimität zulassen, statt in Isolation zu bleiben.
- ca. 40–65Mittleres Erwachsenenalter
Die Aufgabe der Lebensmitte: etwas weitergeben — an Kinder, im Beruf, an die Gesellschaft (Generativität). Wer nur um sich selbst kreist, erlebt Stillstand (Stagnation).
- ab ca. 65Höheres Erwachsenenalter
Abschied vom Beruf, Rückblick, auch Verluste. Und die Chance, mit dem eigenen Leben im Reinen zu sein (Eriksons Integrität).
Der Mythos Midlife-Crisis
Eine Aussage über die Lebensmitte — stimmt sie?
Fast jeder Mensch stürzt um die 40 in eine „Midlife-Crisis“.
Wenn die Kinder ausziehen, fallen alle Eltern in ein tiefes Loch („Empty Nest“).
Einschneidende Lebensereignisse (Life Events) können die Entwicklung neu prägen.
Nenne die zentrale Entwicklungsaufgabe des mittleren Erwachsenenalters nach Erikson und erkläre sie an einem Beispiel.
Sterben, Tod und Trauer
Das letzte Kapitel — würdevoll
Ein Leben zu begleiten heißt auch, seinen Abschluss anzuschauen: zu verstehen, was Sterbende und Trauernde durchleben, und wie man für sie da sein kann.
Wie Trauer verläuft
Verena Kasts vier Phasen der Trauer
- 1Nicht-wahrhaben-Wollen
Der erste Schock: „Das ist nicht wahr.“ Die Wirklichkeit ist noch zu groß, um sie ganz hereinzulassen.
- 2Aufbrechende Gefühle
Trauer, Zorn, Angst, manchmal Schuld brechen hervor — heftig und wechselhaft. Sie dürfen sein.
- 3Suchen und Sich-Trennen
Man sucht die verlorene Person in Erinnerungen, an Orten, in Gewohnheiten — und lernt zugleich langsam, loszulassen.
- 4Neuer Selbst- und Weltbezug
Der Verlust bleibt, aber das Leben findet einen neuen Boden. Die Person bekommt einen Platz in der Erinnerung, und Zukunft wird wieder möglich.
Kübler-Ross’ fünf Phasen sind berühmt — und umstritten. Erkläre das Modell kurz und nenne einen begründeten Kritikpunkt.
Textanalyse & Stellungnahme: Ein Text behauptet, die ersten Lebensjahre entschieden fast alles über den späteren Menschen. Prüfe das mit dem Wissen dieses Kapitels.